Verkantung

Verkantung

Eine der am häufigsten unterschätzten Fehlerquellen beim Präzisionsschiessen ist die Verkantung des Zielfernrohrs. Bereits sehr kleine Winkelabweichungen zwischen Absehen, Schwerkraft und Laufachse können insbesondere auf grosse Distanzen zu erheblichen Treffpunktfehlern führen.

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Verkantungsfehlern unterscheiden:

- systematische Fehler, die durch eine falsch ausgerichtete Montage des Zielfernrohrs entstehen

- zufällige Fehler, die durch minimale Unterschiede in der Waffenhaltung von Schuss zu Schuss verursacht werden

Der Fokus liegt hier klar auf der Vermeidung des systematischen Fehlers.

Warum Verkantung zu seitlichen Treffpunktfehlern führt

Ist das Zielfernrohr nicht exakt senkrecht zur Schwerkraft ausgerichtet, wird jede Höhenverstellung des Absehens nicht mehr rein vertikal wirksam. Stattdessen entsteht eine seitliche Komponente.

Physikalisch lässt sich der Effekt einfach beschreiben:
Die seitliche Abweichung ist das Produkt aus dem ballistischen Geschossabfall und dem Tangens des Verkantungswinkels.

Das bedeutet:

- je grösser die Distanz

- je grösser der Geschossabfall

- je grösser der Verkantungswinkel

desto stärker fällt der seitliche Fehler aus.

Schon 1 Grad Verkantung kann auf 1000 Meter eine seitliche Abweichung im Bereich von 20 bis 25 cm verursachen. Auf 2000 Meter sind es nahezu 2 Meter. Damit liegt der Fehler in derselben Grössenordnung wie Drallablenkung oder Windfehler.

Verkantung ist kein Streufehler, sondern ein Zielpunktfehler

Wichtig ist die Einordnung:
Verkantung verursacht keine Streuung, sondern einen systematischen Treffpunktversatz. Der Schütze schiesst also reproduzierbar daneben oft ohne zu wissen warum.

Besonders tückisch ist, dass sich dieser Fehler mit zunehmender Entfernung immer stärker bemerkbar macht und leicht mit Wind oder Drallablenkung verwechselt wird.

Saubere Montage ist entscheidend

Um diesen Fehler zu eliminieren, muss das Zielfernrohr zur Schwerkraft und nicht optisch zum System ausgerichtet werden. Vorausgesetzt wird dabei:

- korrekt gebohrte Systembrücken

- parallele Montageflächen

- rechtwinklige Montageringe zur Laufachse

Die empfohlene Vorgehensweise ist:

  1. Waffe in einer stabilen Vorrichtung fixieren
  2. System oder Schiene exakt zur Schwerkraft ausrichten
  3. Zielfernrohrbasis nivellieren
  4. Absehen exakt vertikal zur Schwerkraft ausrichten

Absehen richtig ausrichten

Ist das System korrekt ausgerichtet, wird das Absehen nicht am Lauf oder an der Waffe, sondern an einer externen vertikalen Referenz ausgerichtet, etwa:

- einer Lotlinie (Schnur mit einem Gewicht)

- einer exakt senkrechten Kante am Zielrahmen

Erst danach werden die Montageringe gleichmässig und kontrolliert angezogen. Abschliessend sollte die Ausrichtung nochmals überprüft werden.

Aerodynamik hilft, ersetzt aber keine saubere Montage

Ein Geschoss mit geringerem Luftwiderstand erzeugt weniger Geschossabfall und reduziert damit auch den Verkantungsfehler. Das ist jedoch nur eine sekundäre Verbesserung. Die Ursache bleibt eine falsche Ausrichtung und sollte immer mechanisch korrekt gelöst werden.

Fazit

Zielfernrohr-Verkantung ist ein klassischer Fehler, der wenig Beachtung findet, aber massive Auswirkungen haben kann. Bereits kleinste Winkelabweichungen führen auf grosse Distanzen zu deutlichen seitlichen Treffpunktfehlern.

Wer präzise schiessen will, kommt an einer sauberen, schwerkraftbezogenen Montage des Zielfernrohrs nicht vorbei. Es ist eine einmalige Arbeit mit dauerhaftem Effekt und eine der effektivsten Massnahmen zur Verbesserung der Trefferlage auf lange Distanz.

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